Der Weg der narrativen Demokratie

Geschichten

Ein Grußwort von Pierre Rosanvallon

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir auf allen Kontinenten die Verbreitung von Populismen, begleitet von allen Illusionen, aus denen sie bestehen, und allen Perversionen, die sie nach sich ziehen. Um dieser Bedrohung zu begegnen, genügt es nicht, sie zu verurteilen. Es gilt, Antworten zu finden auf die grundlegende Demokratieverdrossenheit der Bürger*innen, die diese Populismen und ihr Wachstum erst ermöglichen. Gestärkt werden müssen alle Institutionen und Praktiken, die dem „Auge des Volks“ Raum geben, da dieses, im Gegensatz zur „Stimme des Volks“, die nur in den seltenen Wahlzeiten lautstark vernehmbar wird, in der Lage ist, die Mächtigen dauerhaft zu überwachen.

Doch wir müssen auch den Weg der „narrativen Demokratie“ beschreiten, der dem Erleben des Einzelnen, seinen Herausforderungen und Erwartungen, eine nachhaltige Stimme verleiht. Das bereichert wiederum die Vorstellung von einer repräsentativen Demokratie, die als eine Art öffentlicher Raum erfahren wird, in dem das, was die einfachsten Bürger*innen erleben, Gültigkeit und Bedeutung hat. Auf diese Weise kann auch der Begriff des „Volks“ einen reichhaltigeren demokratischen Sinn erhalten: An Stelle des abstrakten „Volks“ der Populisten, das nur die Negativität einer Summe von Ausschlussmechanismen darstellt, wird eine positive Diversität zum Ausdruck gebracht. Denn wenn die Vorstellungskraft der Bürger*innen heutzutage von einer Ansammlung von Vorurteilen und Phantasmen beherrscht wird, so liegt es daran, dass die Menschen einander zu fremd sind. Ich habe in Frankreich das „Parlament der Unsichtbaren“ publiziert sowie die Internetplattform und die Buchreihe „Raconter la vie“/ „Das Leben erzählen“ gestartet, um genau diesen Weg einzuschlagen. Und so freue ich mich sehr darüber, dass nun in Österreich die erste Textsammlung in einer vergleichbaren Reihe erscheint, der ich noch viele Fortsetzungen wünsche.

Pierre Rosanvallon ist Professor für neuere und neueste Geschichte am Collège de France und Directeur d'Études an der École des Hautes Études en Sciences Sociales.

Anna, 54

Ich kämpfe für ein Grundeinkommen

Meine Mutter, eine jüdische Kommunistin, hatte schwer traumatisiert in England den Holocaust überlebt und wurde gegen ihren Willen 1946 wieder nach Wien geholt, um beim Aufbau eines sozialistischen Österreich zu helfen.

Sie lernte meinen Vater kennen, der aus einer sozialistischen Familie stammte und sich dann auch bei der KPÖ engagierte. 1960 kam mein Bruder zur Welt, 1962 ich.

Meine Ursprungsfamilie war völlig entwurzelt, meine Mutter träumte von einem Leben in England, mein Vater wollte in Wien bleiben, hasste aber aus tiefstem Herzen die Nazis – und das waren fast alle WienerInnen. Ich träumte schon als Kind von einer heilen Familie mit Haus, Garten und 3 lieben, unkomplizierten Kindern. Ich war eine komplette Außenseiterin in der Schule – ohne religiöses Bekenntnis und politisch sehr klar positioniert, da meine Eltern zuerst KPÖler waren, dann bei der Freien Österreichischen Jugend / Bewegung für Sozialismus.

Alle meine „Männer“ waren entwurzelt wie ich und keine Österreicher. 1990 heiratete ich einen Algerier, den ich 1989 bei den Weltjugendfestspielen in Nordkorea kennengelernt hatte. Wir bekamen drei Töchter. Mein Mann erkrankte an Multipler Sklerose. Zwei ganz starke Schübe machten ihn fast arbeitsunfähig, damit einher ging eine Persönlichkeitsveränderung mit Schizophrenie und manischer Depression. Mein langer Leidensweg endete 2002 im Frauenhaus. Auch danach waren meine Töchter und ich immer wieder von Gewaltaktionen betroffen.

In dieser Zeit der Angst lernte ich meinen zweiten Mann, aus Nigeria, kennen. Er konnte die ersten Jahre gut mit meinen traumatisierten Kindern umgehen, hatte keine Angst vor meinem Ex-Mann und unterstützte mich. Er hatte keinen legalen Aufenthalt in Wien, obwohl wir seit 2004 verheiratet waren. 2007 kam unser Sohn zur Welt.

Er durfte nicht arbeiten und war ständig von der Abschiebung bedroht. Meine ganzen Rücklagen verschwanden für Verfahrenskosten für seine Niederlassungsbewilligung und für ein defizitäres kleines Geschäft (Afroshop). Unsere Ehe zerbrach 2010.

Ich arbeite seit 1984 als Restauratorin im Kunsthistorischen Museum, seit 1996 nur 20 Stunden, wegen der Kinder.

2011 verstarb mein erster Ehemann. Die Waisenpension für meine erste Tochter wurde sofort eingestellt, da sie ihre Ausbildung abgebrochen hatte. Zudem war die Waisenpension um einiges geringer als der Unterhaltsvorschuss. Für meinen Sohn erhalte ich nur 50 € Unterhalt. 2012 wurde ich „gezwungen“, um Mindestsicherung anzusuchen, da ich sonst die Wohnbeihilfe nicht beantragen konnte. Ohne Unterstützung meiner Eltern ist es nicht möglich, dass alle vier Kinder und ich eine ausreichende medizinische Versorgung und eine gute Ausbildung bzw. Studium erhalten. Ich werde immer finanziell arm bleiben, da meine Arbeit als Familienmanagerin und Mutter unbezahlt ist und nur die Erwerbsarbeit für die Pension angerechnet wird.

Ich kämpfe für ein Grundeinkommen, das alle lebenswichtigen Bedürfnisse abdeckt, für alle Menschen und vor allem für Kinder. Damit wäre dieser beschämende Weg zum Sozialzentrum – der Armut als individuelles Versagen erscheinen lässt – nicht mehr notwendig. Ich setze sozusagen das Engagement meiner Eltern für ein sozialistisches Österreich fort. Dabei hilft mir sehr, dass ich mit meinen Kindern in einem Frauenwohnprojekt wohne und sehr viel Unterstützung als Mutter und Aktivistin erhalte. Auch hat dort „meine“ Madalena-Gruppe einen Proberaum. Madalena – Theater der Unterdrückten (TDU) – arbeitet mit den Methoden Augusto Boals, um die Ursprünge und Auswirkungen der Unterdrückung der Frauen zu erforschen und theatralisch auszudrücken. Meine Wut und Ohnmacht wegen des Turbokapitalismus und der Ausbeutung der Frauen sowie der Bemessung des Wertes eines Kindes (bis 18) mit etwa 300,– pro Monat im zwölftreichsten Land der Erde lassen mich politisch aktiv und kreativ sein.

Rudi, 59

Das war damals die Weltordnung

Ich bin ein klassisches Arbeiterkind, aufgewachsen in den Sechzigerjahren, fast ausschließlich unter meinesgleichen. Mit zehn Jahren kam ich in die Hauptschule Ebensee, fast alle meine Lehrer waren ehemalige oder noch immer heimliche Nazis und dementsprechend war ihr Unterricht. Bei Ungehorsam oder Unangepasstheit hagelte es im günstigsten Fall Ohrfeigen, im ungünstigsten waren alle Arten von Zufügung körperlicher Schmerzen an der Tagesordnung. Ein Lehrer war wegen seiner sadistischen Neigungen besonders gefürchtet. Er schlug die Schüler – meist ohne irgendeinen Grund – mit einem dünnen Stock auf die Fingernägel und genoss es sichtlich, wenn der Schüler aufschrie. An meinem Kopf zerschlug er einmal ein Klassenbuch, ich hatte daraufhin mehrere Tage lang Kopfweh. Ein Mitschüler, er hieß Hufnagl, musste jede Stunde in Nazimanier strammstehen und während der ganzen Stunde auf das Kruzifix blicken. Wenn der Lehrer merkte, dass er sich abwandte, wurde er geohrfeigt. Wir nannten den Lehrer „Fezi“. Wenn ich heute, nach so vielen Jahren, Mitschüler von damals treffe, kommt die Rede oft auf diesen „Fezi“ und seinen Sadismus. Ich fand diese Gewaltexzesse damals nicht wirklich schlimm. Die alltägliche Gewalt von Nazilehrern an uns Jugendlichen hatte uns stark gemacht. Wir wurden von oben getreten und traten nach unten weiter. Jede Ohrfeige von Fezi gab ich an schwächere Mitschüler weiter, weil ich meine Aggressionen ja nicht dem Fezi zurückgeben konnte. Der, den ich getreten hatte, trat ebenso nach unten weiter, bis die Kette der Gewalt den Untersten erreicht hatte. Ich habe damals nicht darunter gelitten. Ich sah das Ganze als eine Art natürliche Ordnung des Zusammenlebens. Man steckte ein und teilte aus. Das Leiden an den eingesteckten Schlägen wurde durch das Austeilen von Schlägen kompensiert und somit neutralisiert. Auch zuhause wurde ich geliebt und geschlagen. Das war damals die Weltordnung, in allen Arbeiterfamilien war es ähnlich.

Später, als ich im Stiftergymnasium in Linz war, habe ich angefangen, Fezi zu hassen. Ich wollte ihn damals vor Gericht zerren und habe auch regelrechte Rachegefühle entwickelt. Ich war 14, als ich ins Stiftergymnasium wechselte. Das war wie eine Neugeburt. Ich war den dummen und kulturlosen und primitiven Ebenseer Nazi-Lehrern entronnen und lernte dort kulturell gebildete, humanistisch orientierte und Gewalt verachtende Lehrer und Mitschüler kennen, die mich aus meinem Vorleben herausholten. In meiner Klasse war Gunter Damisch, der später einer der profiliertesten österreichischen Maler werden sollte. Er nahm sich meiner an wie ein Lehrer. Er gab mir Kafka und Trakl zu lesen und erwärmte mich für die klassische Musik. Er drückte mir philosophische Schriften in die Hand und erklärte mir die Bilder von Kokoschka, Brauer und Dalí. Ihm verdanke ich sehr viel. Ich las damals sehr viel und hatte für die Schule kaum Zeit. In Linz hatte gerade die Musikbibliothek eröffnet, man konnte sich dort gratis in die klassische Musik hineinhören, weswegen ich eine bis heute andauernde, innige Beziehung zu Bach, Beethoven und Mahler habe.

Damit habe ich mein Arbeiterkind-Vorleben abgeschüttelt. Ich begann, Ebensee mit seinen gewalttätigen, stumpfsinnigen Menschen zu hassen, und hielt den ganzen Ort ungerechterweise für einen Ort des Ekels und der Barbarei. Auch meinen Eltern begegnete ich mit Verachtung. Das bereue ich heute zutiefst. Kam ich nach Ebensee, dann setzte ich mich sofort aufs Fahrrad und fuhr zum Offensee, denn die schöne Landschaft und die Berge liebte ich in demselben Ausmaß, in dem ich die Einwohner dieses Ortes verachtete. Heute bedauere ich das, aber es war damals notwendig für mich. Vielleicht hätte der Befreiungsschlag in ein von Kultur dominiertes Leben anders nicht gelingen können.

Seep, 39

Wir sollten nicht einfach wegsehen

Ich habe einen Migrationshintergrund, der sich wahrscheinlich sowieso durch meinen Namen zu erkennen gibt. Obwohl ich in Wien auf die Welt kam, verbrachte ich den Großteil meiner frühen Kindheit in Indien.

Die meisten Menschen sind der Meinung, dass die Kindheit eine Zeit ist, in der noch alles unbekümmert und sorglos zugeht. Ich bin leider nicht dieser Meinung, denn für mich war meine Volksschulzeit eine Qual! Mit sechs Jahren kam ich aus Indien nach Österreich, und zu meiner Überraschung sprach ich kein einziges Wort Deutsch! 

In Indien besuchte ich bereits mit drei Jahren eine Erziehungsanstalt, in der versucht wurde, mir frühzeitig das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Meistens genoss ich den Unterricht auf Englisch und war deshalb in der Lage, in dieser Sprache zu kommunizieren. In Indien lernte ich auch in indischer Schrift zu schreiben und muss zugeben, dass es damals gar nicht so unkompliziert war, wie ich dies heute empfinde. 

Aber all das änderte sich, als ich mit sechs in Wien zur Schule ging! Zwar waren meine schulischen Leistungen sehr gut durch die Vorkenntnisse, die ich mitbrachte, aber gute Noten sind nicht alles, wenn man sich in der Schule wohlfühlen will. Es stellte sich am ersten Schultag heraus, dass ich das einzige Mädchen in der Klasse war, das schwarze Haare hatte und eine braune Hautfarbe! Auch für mich war es etwas Neues, Menschen in meiner Umgebung zu sehen, die so unterschiedliche Haarfarben wie blond und brünett hatten oder Sommersprossen, aber es schien so, als ob mein Aussehen noch befremdlicher war, als ich dies bei den anderen empfand. Das war auch der Grund, warum ich die Volksschulzeit nicht sehr mochte. Wegen meines Aussehens wurde ich öfters ausgeschlossen, weil viele meine Hautfarbe als ein Virus empfanden, das durch Berührung weitergegeben werden konnte. Mir war schon bewusst, dass ich nicht so aussah wie die meisten Kinder in meiner Klasse, aber dass mir das so sehr unter die Nase gerieben wurde, war ein richtiger Schock für mich. Ich war doch auch in der Lage, mit der Andersartigkeit anderer klarzukommen! Anstatt sensibel dafür zu sein, dass ich aus einem anderen Land komme und kaum die Sprache verstehe und mir vieles dadurch schwerfällt, wurde mir noch zusätzlich die Schuld dafür in die Schuhe geschoben, anders zu sein. Als ob es eine Schande wäre, anders auszusehen. 

Was mich an der ganzen Sache ein wenig ärgerte, war die Tatsache, dass meine Lehrerin dies alles in der Klasse mitbekam, aber nie den anderen SchülerInnen was sagte. Öfters stand ich alleine da und bat sie um Hilfe, aber sie war der Meinung, dass ich meine Konflikte selbst bereinigen sollte. Ich fragte mich immer, wie ich das bewerkstelligen sollte, wenn sich zehn bis fünfzehn SchülerInnen gegen mich stellten und mich mit rassistischen Kommentaren bombardierten! 

Und das stellte sich für mich als ein Grund dar, in der Zukunft eine Lehrerin zu werden, die den Schülern und Schülerinnen zuhört und versucht, die Probleme im Klassenraum als die ihren zu sehen. Rassismus ist ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft, und ich finde, wir sollten nicht einfach wegsehen, wenn wir Ungerechtigkeit gegenüber anderen erleben!

Aus: Ernst Schmiederer (Hg.): BERICHTE VON BEKANNTEN, edition IMPORT/EXPORT, Wien 2019
importundexport.at
info@gegenwart.org

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