Parlament

Der Wunsch nach Anerkennung

Das Land fühlt sich nicht vertreten. Am stärksten betroffen sind gewiss die bescheidensten und einfachsten Menschen. Aber das Problem ist viel allgemeiner und gilt für alle Teile der Gesellschaft. Es untergräbt die Demokratie, wenn die vielen leisen Stimmen ungehört bleiben, die ganz gewöhnlichen Existenzen vernachlässigt und die scheinbar banalen Lebensläufe missachtet werden, wenn es keine Anerkennung für jene Initiativen gibt, die abseits des Scheinwerferlichts stattfinden. Die Lage ist alarmierend, denn auf dem Spiel stehen sowohl die Würde der Individuen als auch die Lebendigkeit der Demokratie. Als Teil einer Gesellschaft zu leben, heißt in der Tat vor allem zu wissen, dass die eigene Existenz in ihrer Alltäglichkeit wahrgenommen wird. Leben, die nicht erzählt werden, sind Leben, die wertlos gemacht, geleugnet und im Grunde verachtet werden. Dieses Nicht-Vorhandensein macht die eigenen Lebensumstände doppelt schwer. Unsichtbar zu sein – denn darum handelt es sich – hat zuallererst einen Preis für die Individuen selbst. Denn ein Leben, das im Dunkeln bleibt, ist ein Leben, das nicht existiert, ein Leben, das nicht zählt. Repräsentiert zu sein hingegen bedeutet – im wörtlichen Sinn – den anderen präsent gemacht zu werden. Es bedeutet, relevant zu sein und in der Wahrheit und Besonderheit der eigenen Lebensverhältnisse erkannt zu werden. (...) Die Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft ist demzufolge heute untrennbar mit dem Wunsch nach Anerkennung verbunden.

Ein moralisches und soziales Projekt

Die Demokratie kann nicht leben, wenn Männer und Frauen keine Gesellschaft bilden. Die Kenntnis der anderen ist die Basis dieses Unterfangens. Die Schaffung einer gemeinsamen Welt verlangt, dass zwischen ihren Bewohnern eine Art gegenseitigen Verständnisses besteht. Für die Unsichtbarkeit zahlen wir daher sowohl einen sozialen und moralischen als auch einen individuellen Preis. (...) Wenn die Wirklichkeiten verschleiert sind und die Leben im Dunkeln gelassen werden, beherrschen tatsächlich Vorurteile und Phantasmen die Vorstellungskraft. Das wiederum nährt auch Argwohn und Ängste. (...) Man kann tatsächlich niemandem vertrauen, der völlig fremd ist und von dem man gar nichts weiß. Man kann nichts mit jenen gemeinsam aufbauen, die einem gänzlich unbekannt sind. (...) In einer vielfältigeren Gesellschaft, in der die Lebensumstände und die Situationen mobiler geworden sind, hat die Information über die anderen die Aufgabe, die Abstände sowohl in den Köpfen als auch in der Praxis zu verringern.

Viele Wege zur Kenntnis der Welt

Wenn das Leben der einfachen Menschen in seiner Diversität untersucht und zur Geltung gebracht werden soll, so bedeutet das nicht – und das muss unterstrichen werden –, dass wir uns auf das Aufzeigen von sozialem Unglück beschränken sollten. Unser Zugang führt vielmehr auch dazu, die positiven Erfahrungen, die das Leben jedes Einzelnen prägen – der Stolz auf die eigene Arbeit, Erfolgserlebnisse – in den Vordergrund zu rücken, ebenso die latenten Fähigkeiten, aktiv und schöpferisch zu handeln. Außerdem erhält die Erzählung der gewöhnlichen Leben ihre Sinnhaftigkeit nicht nur durch die starke Konsistenz, die sie den individuellen Existenzen verleiht, sie öffnet darüber hinaus auch den Weg zu neuen Kategorien der Analyse, die es uns erlauben, die gesellschaftlichen Probleme und Potenziale besser zu erfassen. Zunächst erneuert sie die alten Kategorien von Arbeitern, Angestellten und Beamten und reichert sie dann mit den Wirklichkeiten der zeitgenössischen Wirtschaft an. Doch vor allem führt diese Rückeroberung des sinnlich Wahrnehmbaren zu einer Neubewertung der Formen von Gemeinschaft. Jenseits der gegebenen beruflichen, territorialen, ethnischen, familiären oder sexuellen „Identitäten“ konstituiert sich das „Soziale“ tatsächlich auch durch Gruppen, die Schwierigkeiten oder Ziele teilen, Erfahrungen, Lebenswege oder Anliegen gemeinsam haben. All das ermöglicht, fluktuierende, aber wesentliche Gemeinschaften nachzuzeichnen.

Aus: Pierre Rosanvallon: Das Parlament der Unsichtbaren, edition IMPORT/EXPORT, Wien 2015
info@gegenwart.org

Geschichten
Manifest

Übersicht